Auffallend häufig
Jetzt ziehen sie fort und fehlen mir besonders, denn in diesem Sommer konnten wir ungewöhnlich viele Grasmücken erleben. Vor allem Mönchsgrasmücken waren in Gärten, in Hecken und an Waldrändern auffallend häufig. Aber auch Garten-, Dorn- und Klappergrasmücken begegneten uns immer wieder. Öfter akustisch als optisch, denn Grasmücken sind Vögel, die man eher hört als sieht. Recht klein, flink und wachsam halten sie sich bevorzugt im dichten Gebüsch auf. Wer aber ihren Gesang kennt und ein wenig Geduld mitbringt, kann die verschiedenen Arten durchaus entdecken und unterscheiden.
Die Zunahme an Mönchsgrasmücken können wir vielleicht erklären: Sie gehören zu jenen Zugvögeln, die ihr Zugverhalten an die Veränderungen des Klimas angepasst haben. Seit den 1980er Jahren überwintern viele unserer Mönchsgrasmücken nicht mehr in Südeuropa oder Nordafrika, sondern auf den Britischen Inseln. Die Winter dort sind inzwischen mild genug, in Gärten finden die Vögel ausreichend Nahrung und der kürzere Zugweg spart Energie. Insgesamt dürften somit die „Mönche“ den Winter besser und zahlreicher überstehen als früher. Für die anderen Grasmücken gilt das allerdings nicht in gleicher Weise.

Kennzeichen
Die bei uns anzutreffenden Grasmückenarten sind oft auf den ersten Blick nicht leicht auseinanderzuhalten. Sie sind zwischen 12 und 16 Zentimetern groß und damit etwas kleiner als ein Haussperling. Ihre Gefiederfärbung ist überwiegend grau, braun und weiß. Mit Ausnahme singender Männchen auf ihrer freien Warte bewegen sich Grasmücken geduckt durch die Vegetation. Daher stammt auch ihr Name, der nichts mit Insekten zu tun hat: Man müsste ihn richtigerweise „Gra-Smücke“ trennen, den mittelhochdeutschen Wörtern für „grau“ und „Schlüpfer“.
Fünf Arten brüten in Deutschland. Die Mönchsgrasmücke ist am leichtesten zu erkennen: Das Männchen trägt eine schwarze, das Weibchen eine rotbraune Kappe. Ansonsten ist der Vogel überwiegend grau gefärbt. Die Gartengrasmücke ist dagegen ausgesprochen unscheinbar. Beide Geschlechter sehen gleich aus: olivgraue Oberseite, helle Unterseite, keine markante Zeichnung. Die Dorngrasmücke ist etwas auffälliger: Beim Männchen fallen der graue Kopf, die rostbraunen Flügel, die weiße Kehle und die rötliche Iris auf. Weibchen und Jungvögel sind schlichter gefärbt. Die Klappergrasmücke ist die kleinste der fünf Arten. Sie wirkt kompakt und hat einen graubraunen Rücken und eine helle Unterseite. Seltener und nur in Ostdeutschland anzutreffen ist die unverwechselbare Sperbergrasmücke. Sie ist größer als die übrigen Arten und die Männchen sind mit grauen Rücken und quergebänderter Brust tatsächlich wie Sperber oder Habichte gefärbt.

Stimmen
Wer die Vögel bestimmen möchte, sollte allerdings nicht nur auf das Gefieder achten. Bei den Grasmücken ist der Gesang mitunter das zuverlässigere Merkmal.
Die Mönchsgrasmücke macht es dem Beobachter vergleichsweise einfach: Ihr Gesang beginnt mit einem leisen Schwätzen und geht in ein kräftiges, melodisches Flöten über. Der kurze Ruf klingt dagegen hart und erinnert an zwei aneinandergeschlagene Kieselsteine. Die Gartengrasmücke besitzt einen besonders vielseitigen Gesang. Er ist ausdauernd, kräftig und kann durchaus an eine Drossel erinnern. Bei der Dorngrasmücke ist das Lied deutlich rauer und kürzer. Ihr heiseres Schwätzen hört man häufig von der Spitze eines Dornstrauches oder einer Hochstaude. Die Klappergrasmücke schließlich macht ihrem Namen alle Ehre: Nach einem leisen Vorspiel folgt ein rhythmisches, klapperndes Geräusch. Die Sperbergrasmücke schließlich singt ähnlich wie die Gartengrasmücke, aber härter, rauer, oft schnarrend.

Lebensweise
Alle Grasmücken brüten bei uns in dichtem Gebüsch in offenen Nestern, unterscheiden sich aber bei der Wahl ihrer Lebensräume: Mönchs- und Gartengrasmücke bevorzugen schattige, strauchreiche Bereiche. Brombeergebüsche an Waldrändern, Feldgehölze, Parks und Gärten gehören zu ihren Habitaten. Die Gartengrasmücke findet man ebenfalls in gebüschreichen Landschaften, an Waldrändern und -lichtungen, in Auwäldern, Hecken und größeren Gärten. Sie lebt ausgesprochen versteckt. Dorn- und Sperbergrasmücke mögen es sonniger. Sie besiedeln als Charaktervögel reichgegliederter Feldfluren offene und halboffene Landschaften mit einzelnen Büschen und Stauden. Besonders typisch ist ihr Aufenthalt auf sonnigen Dornsträuchern. Die Klappergrasmücke benötigt ebenfalls einzelne Sträucher und kleinere Bäume. Sie kommt in Parks und größeren Gärten ebenso vor wie an heckenreichen Feldrändern. Gemeinsam ist den Arten, dass sie auf strukturreiche Landschaften angewiesen sind. Eine ausgeräumte Feldflur oder ein Garten, in dem jeder Strauch regelmäßig zusammengestutzt wird, sind für Grasmücken unwirtlich.

Weite Wege
Das Zugverhalten unserer Grasmücken ist sehr unterschiedlich: Die Mönchsgrasmücke ist dabei die flexibelste: Als Kurz- oder Mittelstreckenzieher überwintert sie traditionell in Südeuropa und Nordafrika. Ein Teil der Population hat jedoch wie gesagt eine westliche Route auf die Britischen Inseln eingeschlagen. Für Garten-, Dorn-, Klapper- und Sperbergrasmücke ist die Reise wesentlich weiter: Alle vier sind Langstreckenzieher und überwintern in Afrika. Die Gartengrasmücke überquert dabei die Sahara und erreicht teilweise sogar Namibia oder Südafrika. Die Klappergrasmücke fliegt bis nach Ostafrika; selbst von Süddeutschland aus sind es 5.000 Kilometer und mehr. Die Dorngrasmücke verbringt den Winter in der afrikanischen Sahelzone oder noch weiter südlich und die Sperbergrasmücke zieht über den Bosporus nach Ostafrika. Wenn wir im Frühjahr den ersten Gesang einer Grasmücke hören, hat der kleine Vogel also oft gerade eine Reise von vielen tausend Kilometern hinter sich.

Nahrung
Während der Brutzeit ernähren sich Grasmücken vor allem von Insekten, Raupen und Spinnen. Später im Jahr kommen zunehmend Beeren und andere Früchte hinzu. Mönchs- und Gartengrasmücken lieben beispielsweise Holunderbeeren. Da sie mitgefressene Beerensamen unverdaut ausscheiden, gehören Mönchsgrasmücken zu den wichtigsten Mistelverbreitern.
Lebensraum erhalten!
Damit sind Grasmücken gleich von zwei Dingen abhängig: von einer Landschaft mit ausreichend Insekten und von Sträuchern, die ihnen Nahrung, Deckung und Brutplätze bieten. Unsere leider oft kahlen Feldfluren und sterilen Gärten bieten das nicht. Doch das muss nicht sein: Für die Grasmücken können wir auch im eigenen Umfeld einiges tun.
Ein naturnaher Garten muss nicht groß sein! Heimische Sträucher, dichte Hecken und Bereiche, die nicht ständig geschnitten und „aufgeräumt“ werden, schaffen wichtige Strukturen. Holunder, Brombeeren und andere beerentragende Gehölze bieten Nahrung. Blühende Pflanzen fördern gleichzeitig die ohnehin knapper werdenden Insekten, die während der Brutzeit auf dem Speiseplan stehen. Auf Pflanzenschutzmittel sollte man verzichten. Das hilft nicht nur den Grasmücken, sondern der gesamten Nahrungskette im Garten bis hin zu uns. Auch außerhalb des eigenen Gartens können wir durch den Erhalt von Hecken, Feldrainen, Säumen und anderen strukturreichen Landschaftselementen diese Vögel und ihre gesamte Lebensgemeinschaft fördern. Für Dorn- und Sperbergrasmücke sind solche offenen und halboffenen Bereiche besonders wichtig.

Für sie und für uns
Daher sollten wir – gerade jetzt im Herbst – nicht jeden Strauch als etwas betrachten, das rechtwinklig geschnitten oder direkt entfernt werden muss. Für uns ist ein dichtes Brombeergebüsch möglicherweise ein lästiges Hindernis. Für eine Grasmücke kann es Brutplatz, Versteck und Nahrungsquelle zugleich sein – und der Platz, an dem sie uns mit ihrem Gesang beglückt.
Dieser grasmückenreiche Sommer hat uns wieder gezeigt, wie viel Leben in solchen Strukturen steckt. Erhalten wir sie – für uns selbst und die Tiere unserer Umgebung. Denn vielleicht wartet die nächste Mönchsgrasmücke schon gut versteckt im Gebüsch nebenan.

