Alle Vogelfotos in diesem Beitrag stammen von Winfried Lieber und sind gemäß den Verhaltensregeln achtsamer Naturfotografie entstanden.
Frühlingszeit - Fotozeit

Die Eisheiligen sind überstanden, Blumen blühen, Insekten summen und die Vögel versorgen ihre Brut. Man kann sich gar nicht sattsehen! Zugleich sind diese schönen Anblicke natürlich großartige Fotomotive. Jetzt, nach dem Ende der trüben Jahreszeit, machen sich jeden Tag Zigtausende Hobbyfotografen in ihrer heimischen Umgebung auf die Fotojagd. Und weit oben auf ihren Wunschlisten stehen regelmäßig Naturthemen: Tiere, Pflanzen, Landschaften. Ihre Naturfotos sind oft beeindruckend, denn die hochgezüchteten Sensoren und Objektive aktueller Digitalkameras sowie die ausgeklügelte Fotosoftware erlauben heute Bildergebnisse, die noch vor dreißig Jahren undenkbar schienen, und das zu überschaubaren Kosten. Ohne Können, Übung und Ausdauer geht es aber trotzdem nicht.

Naturfotografie mit Licht und Schatten
Naturschützer freuen sich zunächst über die Leidenschaft der Naturfotografen, denn aus ihrer Beschäftigung spricht oft tiefe Naturverbundenheit. Naturfotos waren zudem stets ein wichtiges Mittel, um über die Schönheit und Bedrohung der Natur zu informieren und das Umweltbewusstsein zu fördern.

Naturschützer kennen aber auch die Schattenseiten der Fotobegeisterung, zum Beispiel ausgeraubte Vogelnester, die zuvor von Fotografen freigelegt worden waren, breite Trampelpfade in Blumenwiesen, die den Weg zu seltenen Orchideen weisen, verlassene Jungtiere, deren Eltern durch Fotografen vertrieben wurden, niedergetretene Zäune und Hecken, die auf der Motivsuche im Weg waren. Häufig ist gar nicht böser Wille, sondern Unwissen und Gedankenlosigkeit für solche Fälle ursächlich: So staunen viele Fotografen, wenn sie beispielsweise hören, dass die Fotografie von Vogelnestern generell gesetzlich verboten ist und nur in Ausnahmen behördlich genehmigt werden kann. Einmal trafen wir einen Hobbyfotografen an, der versteckt hinter einer Hecke etwas weiter entfernte Greifvögel fotografieren wollte, aber dabei nicht bemerkte, dass er direkt unter einem Singvogelnest saß und so die Elternvögel von ihrer Brut abhielt. Als wir ihn darauf hinwiesen, war er immerhin einsichtig, aber ohne unser Einschreiten hätte das leicht den Tod der Jungen bedeuten können. Leider trifft man indessen Zeitgenossen, die auf solche Hinweise gleichgültig bis aggressiv reagieren und sich derart im Recht fühlen, dass ihnen jegliche Rücksichtnahme und Selbstkritik fehlt.

Naturverträgliche Fotografie
Man darf nie vergessen, dass der Fotograf nicht ein Bestandteil, sondern eine Belastung jener Natur ist, die er zur Bilderjagd aufsucht. Er produziert einen Teil jenes „Freizeitdrucks“, den Gassigänger, Pilzsammler, Jogger, Reiter und viele andere auf die Natur ausüben. Zudem ist praktisch alles Wichtige bereits umfassend fotografiert und zusätzliche Bilder stiften außerhalb persönlicher Befriedigung kaum noch Nutzen. Der Knipser mag sich vielleicht „eins mit der Natur“ fühlen, aber oft ist er nicht besser als der Mountainbiker, der abseits der Waldwege durchs Unterholz tobt. Doch es geht auch anders, nämlich mit Achtsamkeit und Bedacht!

Verhaltensregeln
Dazu müssen sich Naturfotografen (und auch Naturbeobachter!) stets an elementare Verhaltensregeln halten, wie sie zum Beispiel die belgische Naturfotografenvereinigung B.V.N.F. formuliert hat. Deren Grundsatz lautet:
„Die Natur zu fotografieren darf kein Gewächs und kein Tier in seinem Leben oder in seiner Art zu existieren gefährden. Sowohl die Existenz als auch das Wohlbefinden eines Geschöpfes und sein intakter Lebensraum sind weit wichtiger als jedes Bild von ihm. Die Anwendung dieser Grundregeln verlangt Grundkenntnisse über Natur und Ökologie.“

Das heißt in der Praxis, dass die Motive nur in ihrer natürlichen Umgebung und mit hinreichendem Abstand aufgenommen werden dürfen. Keinesfalls dürfen Blumen und Pilze gepflückt oder Tiere gefangen werden, um sie zu fotografieren. Das Anlocken oder Verscheuchen von Tieren ist ebenso zu vermeiden wie das Abbrechen oder Niedertreten störender Äste oder Gräser. Tiere dürfen auf Futtersuche ebenso wenig gestört werden wie an ihren Ruhe- und Brutplätzen. Wege sollten nicht verlassen, unberührte Flächen nicht betreten werden. Wer sehr seltene und empfindliche Tiere und Pflanzen entdeckt, sollte den exakten Fundort nicht im Internet unter Gleichgesinnten verbreiten, sondern ihn nur dem Förster oder den örtlichen Naturschutzbehörden und -verbänden melden. Kurzgefasst als Merksatz: „Nichts stören, nichts zerstören!“

Guter Gast - gute Bilder
Der Mensch ist in der Natur immer nur zu Besuch. Seien Sie ein guter Gast. Dann gelingen Ihnen mit Behutsamkeit und Geduld großartige Bilder und Beobachtungen, auf die Sie mit vollem Recht stolz sein können und die uns Allen Freude bereiten.

