Käferburg in Diez
Eine stattliche „Käferburg“ samt „Käferkeller“ aus Holzstämmen, Ästen und Hackschnitzeln haben dieser Tage fleißige Jugendliche und Aktive des NABU Rhein-Lahn im Diezer Generationenpark errichtet. Was für Laien eher so aussieht wie ein Haufen von Grünholzabfällen vor ihrer Abfuhr ins Kompostwerk, ist in Wirklichkeit ein ökologischer Edelstein, denn Totholz hat es in sich!

Was ist Totholz?
Totholz entsteht ganz natürlich überall dort, wo Bäume und Sträucher wachsen: Durch Alterung und Krankheiten, Sturm- und Windbruch, Pilz- und Schädlingsbefall sterben Äste oder ganze Pflanzen ab und verrotten entweder am Boden oder, wie abgestorbene Stämme, noch aufrecht. Hinzu kommt jenes Totholz, das nach forstlichen Fällungen und Rodungen am Stück oder gehäckselt in der Landschaft verbleibt.

Totholz als Biotop
Dieses Totholz bildet als Nahrungsquelle und Lebensraum eine unverzichtbare Lebensgrundlage für eine enorme Vielfalt von Organismen, die das tote Holz nach und nach zersetzen, seine Nährstoffe wieder freisetzen und komplexe Lebensgemeinschaften bilden. Jeder Zersetzungsgrad, jede Umschichtung des Materials erzeugt dabei neue, geänderte Lebensräume, was wiederum andere biologische Arten anzieht. Die Vielfalt der Arten hängt stark davon ab, wieviel Totholz vorhanden ist, wie formen- und artenreich dessen Holzstrukturen sind und wie lange es erhalten bleibt.

Seine Bewohner
Nutznießer sind zunächst die zahlreichen, oft bedrohten Käferarten, die als Larven oder fertige Tiere im und vom Totholz leben: Die Larven des Hirschkäfers benötigen faulendes, noch recht junges Totholz, die des Nashornkäfers Holzmulm, Rindenstückchen und Sägemehl, Rosenkäferlarven dagegen bevorzugen schon zu Kompost zerfallene Holzreste. Die Larven vieler seltener Bockkäfer wie die des riesigen Heldbocks sind ebenfalls auf faules, brüchiges Holz angewiesen. Hinzu kommt ein Heer kleinerer Weich- und Prachtkäfer.

Die meisten Tiere des Totholzes sind jedoch winzig: Zahllose Spinnen, Milben, Mückenlarven und Mikroinsekten bilden mit Pilzen wie Porlingen, Hallimasch und Austernpilzen sowie mit Moosen und Flechten sogenannte Fäulnisgemeinschaften. Von diesen breiten sich Nahrungsnetze zu einer Vielzahl an Insekten, Vögeln und Amphibien außerhalb des Totholzes aus. Totholzbewohner sind aber auch Spechte, die ihre Höhlen in faule Stämme schlagen und Larven aus dem mürben Holz meißeln, Fledermäuse, die in Faulholzhöhlen übertagen, oder Schlangen, Blindschleichen und Kleinsäuger, die in Totholzhaufen Unterschlupf finden. Und auch die Pflanzen der Umgebung profitieren von Totholz, das Feuchtigkeit speichern kann und dessen Verfall sie mit Nährstoffen düngt. Insgesamt ist damit die Vielfalt an und in Totholz ein wichtiger Baustein für einen Naturschutz, der weit über populäre Arten wie den Hirschkäfer hinausweist und zu stabileren Populationen und Ökosystemen führt.

Im Wald
Vielerorts ist Totholz aber leider knapp. Die alten Zeiten „blankgeputzter“ Wälder, in denen Holzleser jeden brauchbaren Ast für den heimischen Ofen einsammelten, sind zwar vorbei. Doch auch die nutzungsoptimierte und resteverwertende vollmaschinelle Holzernte mit großflächigen Wegen und Gassen in industriell bewirtschafteten Forsten lässt zu wenig Raum für ökologisch wertvolle Totholzvorkommen. Zum Glück steigt allerdings der Anteil extensiv oder sogar zertifiziert nachhaltig bewirtschafteter Wälder, in denen die Forstverwaltungen Totholz als integralen Bestandteil der Waldpflege verstehen und ausreichende Mengen an toten Ästen, Stämmen, Baumstümpfen und an Schlagabraum sicherstellen.

Im Siedlungsraum
Im Siedlungsbereich, in Parks und Gärten, im Straßenbegleitgrün, aber auch in der Feldflur ist Totholz gleichwohl immer noch Mangelware: Viele Zeitgenossen halten es für Abfall, der das Auge stört, Nutzung und Pflege erschwert, Unfälle provoziert und Ungeziefer anzieht. Also weg damit zugunsten sauber ausgeräumter, flachgemähter oder gar versiegelter Flächen! Doch moderne Grünflächenkonzepte sind auf dem Vormarsch, getragen von ökologisch aufgeschlossenen Bürgerschaften und Kommunalverwaltungen sowie, selbstverständlich, von Naturschutzgruppen. Sie fördern biologische Vielfalt durch Heckenpflanzungen – die bekannte Benjeshecke beruht geradezu auf Totholz! –, durch das Belassen von natürlichem Totholz und Fällabraum in Randbereichen abseits der Wege und auch durch das Stehenlassen alter Bäume und Sträucher. Gut gemachte, bewusst präsentierte Totholzanlagen können sogar wie Kunstinstallationen den öffentlichen Raum ästhetisch aufwerten.

Käferburg und Käferkeller
Womit wir bei den eingangs genannten Käferburgen wären: Eine Käferburg ist eine Anhäufung von verschiedenartigem Totholz mit mehreren Kubikmetern Volumen. Ein optimales Angebot für möglichst viele Tier-, Pflanzen- und Pilzarten bietet eine Mischung von groben und feinen Holzstücken; von Stammabschnitten über Äste, Rindenfetzen, Holzhackschnitzeln bis hin zu Sägespänen und -mehl – natürlich alles ohne jede chemische Verunreinigung. Je mehr heimische Holzarten im Material vertreten sind, umso besser. Idealerweise bildet das Fundament der Käferburg ein Käferkeller, das heißt eine totholzgefüllte Erdgrube unterhalb der Anhäufung. Hier herrschen deutlich andere Temperatur-, Feuchtigkeits- und natürlich Lichtbedingungen als in der überirdischen Käferburg, was die Biotopbreite der Anlage erheblich vergrößert.

Beim Bau der Käferburg sollten die groben Bestandteile stabilisierend eingesetzt werden, damit die Schichtung möglichst lange erhalten bleibt und sich nicht zu schnell flach ausbreitet. Sinnvoll kann es zudem sein, die Käferburg mit einer Abgrenzung zu umgeben, die zwar nicht Tiere, aber Vandalen fernhält. So füllt zum Beispiel der Limburger Bauhof Gabionenwürfel mit Totholz und schafft damit attraktive und stabile ökologische Trittsteine im urbanen Raum.

Totholz im Garten
Für eine große Käferburg fehlen Gartenbesitzern meistens der Platz und die Materialien. Aber auch im heimischen Garten kann man Totholz anbieten! Werfen Sie deshalb Baum- und Strauchschnitt nicht in die Biotonne, sondern lagern sie ihn unauffällig in der Gartenecke, als kostenlosen Biodünger unter Hecken, als Schutzwall beim Komposthaufen oder anderswo ab, wo das Holz allmählich zerfallen kann. Wenn Sie einen Gartenhäcksler benutzen, werden Sie feststellen, dass sich große Schnittgutmengen in erstaunlich kompakte Häckselhaufen verwandeln lassen, die nicht stören und zudem durch die Zerkleinerung rascher zerfallen und schneller Platz für Nachschub im Folgejahr machen. Trockene Äste oder faulende Stämme müssen Sie nicht zwingend entfernen, sondern können sie bewusst als stehendes Totholz im Garten belassen. Gartenwege, die statt mit Kies oder Betonplatten mit Rindenstücken oder Holzhäcksel bedeckt sind, schaffen funktionelle und dekorative Totholzstrukturen ohne Platzbedarf.

Wenn Sie diese Tipps beherzigen, können Sie mit etwas Glück in wenigen Jahren in Ihrer Nähe seltene und beeindruckende Käfer entdecken.

