„Waldbegang“ – was ist das?
An diesem Wochenende waren wir wieder beim sogenannten „Waldbegang“ in einer nahen Ortsgemeinde dabei: Jedes Jahr im Februar lädt der Ortsbürgermeister die Bürger dazu ein, einen Vormittag mit Gemeindevertretern im Gemeindewald zu verbringen. Geleitet werden die Teilnehmer vom Förster des Forstverbands, der kundig und fesselnd über die Waldbewirtschaftung sowie aktuelle Sachverhalte und Probleme rund um das Thema Wald referiert und die zahlreichen Fragen seiner Zuhörer beantwortet. Unterstützt wird er dabei vom örtlichen Jagdpächter; beide opfern dafür gerne einige Stunden ihrer Freizeit. Zum Abschluss tauschen sich die Waldbegeher im Rathaussaal bei einem Imbiss weiter aus. Dieser Waldbegang ist eine beliebte Tradition, zu der sich auch heuer wieder rund 20 Ortsansässige einfanden. Die vermittelten Inhalte waren so interessant und wichtig, dass wir hier davon berichten wollen.
Nachhaltigkeit im Klimawandel
Am Anfang wird es grundsätzlich: Das Ziel der Waldbewirtschaftung des Forstverbands, so der Förster, sei nur in zweiter Linie die Holzernte. Vielmehr gehe es darum, dass an derselben Stelle auch noch morgen und in hundert Jahren ein Wald stehe, der dem heutigen Wald ähnlich sei und dessen Funktionen erfülle. Alle Eingriffe in den Wald müssten mit diesem Ziel in Einklang stehen. Der Klimawandel gehe mit steigenden Temperaturen sowie geringeren und im Jahr anders verteilten Niederschlägen einher – gerade die so wichtige Vegetationsphase zwischen April und Juni sei oft viel zu trocken. Daher müssten bei der Neupflanzung auch resistente nichtheimische Baumarten erprobt und eingesetzt werden, was vielerorts schon seit Jahrzehnten geübt werde. Die geeigneten Arten auszuwählen sei stets schwierig und standortabhängig. Angesichts der letztlich ungewissen Klimaentwicklung sei vermutlich ein vielfältiger, artenreicher Mischwald mit einem hohen Anteil an Naturverjüngung am besten geeignet, sich an die neuen Gegebenheiten robust anzupassen.

FSC-zertifiziert!
Der Gemeindewald, in dem wir stehen, ist übrigens FSC-zertifiziert. FSC steht für „Forest Stewardship Council“ und ist ein internationales Zertifizierungssystem für nachhaltigere Waldwirtschaft, das 1993 mit dem Ziel gegründet wurde. die Wälder unserer Erde gleichzeitig umweltgerechter, sozialverträglicher und ökonomisch tragfähiger zu nutzen. Das ist hierzulande nichts Neues, denn nachhaltige Forstwirtschaft ist eine dreihundert Jahre alte deutsche Erfindung. Die Einhaltung der strengen FSC-Kriterien, die unter anderem natürliche Waldverjüngung, Biotopbäume, Kahlschlagverbote, Pflanzungen nichtheimischer Baumarten, Jagd und Bodenschutz überprüfbar regeln, hat aber neben den ökologischen Vorteilen für den Wald auch wirtschaftliche für seine Eigentümer: So kauft die Papierindustrie praktisch nur noch Holz mit FSC-Siegel an und generell sind dafür höhere Preise erzielbar. In Deutschland ist derzeit nur rund ein Siebtel aller Waldflächen FSC-zertifiziert; daraus resultiert ein kleiner Wettbewerbsvorteil. Auch das gibt der aufwändigen jährlichen Dokumentation und Kontrolle aller FSC-relevanten Maßnahmen einen Sinn.

Holzverkauf bleibt wichtig
Wichtig für die Gemeinde ist und bleibt der Holzverkauf: Hochwertiges Stammholz, das von seinen Aufkäufern regelmäßig in Überseecontainern bis nach China geliefert wird, erbringt gute Einnahmen. Zugleich versorgt der Gemeindewald die ortsansässigen Selbstwerber mit Brennholz. Nachhaltigkeit bedeutet, dass auch dieser Holzbedarf langfristig und effizient erfüllt werden kann. Das erfordert eine umsichtige Preisgestaltung, die einerseits für die Bürger erschwinglich bleibt und andererseits die Knappheit des wertvollen Rohstoffs Holz angemessen widerspiegelt. Ganz konfliktfrei bleiben aber diese Abwägungen zwischen Schutz und Nutzung, Versorgung und Einnahmeerzielung selten.

Allgegenwärtiger Freizeitdruck
Konflikte sind ein Stichwort für den Jagdpächter: Die zahlreichen Waldnutzer – Spaziergänger, Sportler, Holzwerber – verkleinern die Zeitfenster immer weiter, in denen die Jagd sicher und gefahrlos betrieben werden kann. Nein, es geht dabei nicht darum, dass ein wohlhabender Waidmann auf öffentlichem Grund sein exklusives Hobby vom Pöbel ungestört ausüben will. Vielmehr sind die jagdrechtlich für den Waldschutz vorgeschriebenen Abschusspläne an Schwarz- und Rehwild unmöglich zu erfüllen, wenn Wildcamper auf dem Wildwechsel ihre Zelte aufschlagen, wenn auch frühmorgens und spätabends unter Lärm und Flutlicht Brennholz gesägt wird und zu jeder Tages- und Jahreszeit Mountainbiker durch den Wald rasen.
Rabiate Sportskanonen
Gerade die MTB-Piloten sind inzwischen allgegenwärtig und ignorieren häufig, dass gemäß dem Landeswaldgesetz das freie Betretungsrecht des Waldes nur für Fußgänger gilt, während sich Radfahrer und Reiter an die befestigten Wege zu halten haben. Das ist manchen Action-Sportlern zu langweilig, weshalb sie auch schmale Fußpfade befahren und sogar mit Maschinen Schneisen für illegale Downhill-Strecken in den Wald schlagen. Gemeindevertreter, Förster und Jäger sind in der Regel nachsichtig und dulden daher kleinere Regelverletzungen stillschweigend im Sinne eines guten Miteinanders. Auch wir Naturschützer wissen, dass man stets nur mit der Bevölkerung zusammen und nicht gegen sie arbeiten kann. Der Wald ist ein Rückzugsort scheuer Tiere, ein Erholungsraum unserer Mitmenschen und der Arbeitsplatz jener, die ihn pflegen und erhalten. Doch egoistische Outdoor-Fans betrachten den Wald leider viel zu oft als ihren persönlichen Abenteuerspielplatz, auf dem sie sich ungehemmt austoben dürfen. Und das geht zu weit.

Nehmen Sie Rücksicht!
Daher unsere Bitte zum Schluss: Vergessen Sie nicht, dass Sie in unseren Wäldern niemals ein Teil der Natur sind, sondern immer nur ihr Besucher. Seien Sie ein guter Gast und genießen Sie den Erlebnisort Wald, seine Pflanzen und seine Tiere, ohne Ihre Spuren zu hinterlassen.

