Dieser Text gibt die persönliche Meinung der Autoren Walther Adler, Tobias Neise und Axel Wagner wieder und nicht notwendigerweise die des NABU Rhein-Lahn.
Niedlicher Allesfresser
Putzig sieht er aus, dieser Kleinbär mit seinen Knopfaugen, der schwarzen Gesichtsmaske, dem buschigen geringelten Schwanz, dem wuscheligen Fell und der gedrungenen Gestalt. Bis zu 70 Zentimeter groß und 9 Kilogramm schwer kann er werden. Waschbären sind Allesfresser, deren Speiseplan sich zu je einem Drittel aus Wirbellosen, aus Wirbeltieren und aus Obst und Nüssen zusammensetzt. Aber auch Mülleimer, Tierfutternäpfe und Vorratskammern werden gerne geleert. Von den Wirbeltieren sind Fische sowie Amphibien wie Frösche, Kröten und Salamander die häufigsten Beutetiere, hinzu kommen Vögel und Kleinsäuger.

Rasante Vermehrung
Waschbären sind ungemein erfolgreiche Neozoen aus Nordamerika; sie wurden ursprünglich als Pelztiere nach Deutschland eingeführt. Bewusste Ansiedlungen fanden ab 1932 am Edersee statt, daher ist Kassel heute Deutschlands „Waschbärenhauptstadt“. In Ostdeutschland entstand eine eigenständige Population nach einer Gehegeauflösung bei Berlin. 1956 gab es weniger als 300 freilebende Waschbären in Deutschland, 1970 wurde der deutsche Bestand schon auf etwa 20.000 Tiere geschätzt; inzwischen geht er in die Millionen und wächst trotz jährlich mindestens 200.000 erlegten oder überfahrenen Tieren weiter. 2023 meldeten 70% der Jagdreviere Waschbärvorkommen – das entspricht fast drei Vierteln mehr als 2011. In mehreren Schwerpunktländern wie Hessen lagen die Meldungen bereits bei über 90% der Reviere.
Extreme Anpassungsfähigkeit
Seine Anpassungsfähigkeit in Bezug auf Nahrung und Lebensraum sowie der Mangel an natürlichen Feinden machen es dem Waschbären möglich, bisher unbesetzte Nischen innerhalb kürzester Zeit zu erobern. So hat er sein deutsches Verbreitungsgebiet nahezu alle sieben Jahren verdoppelt und ist nicht nur fast überall in der freien Wildbahn vertreten, sondern als Kulturfolger auch in den meisten Ortschaften, wo er nachts sogar freilaufenden Hauskatzen gefährlich werden kann und oft beträchtliche Gebäudeschäden anrichtet. Typische Sanierungen nach Waschbäreinbrüchen kosten einige hundert bis mehrere tausend Euro, es sind aber auch schwere Fälle mit Schäden bis zu 30.000 Euro bekannt. Schwerpunkte sind Hessen, Niedersachsen und Teile Ostdeutschlands. Waschbären sind übrigens auch Überträger von Parasiten und Infektionskrankheiten und dadurch ein hygienisches Risiko: Forscher der Senckenberg-Gesellschaft fanden an Waschbären 23 Parasitenarten, 5 davon befallen den Menschen.
Bedrohte Reptilien
Schlimmer ist aus unserer Sicht, dass die hohe Waschbärendichte unsere heimischen Ökosysteme bedroht. Besonders stark sind Reptilien gefährdet; so dezimiert der Waschbär in Brandenburg die letzten Bestände der Europäischen Sumpfschildkröte: Wo er vorkommt, weist nahezu jedes zweite Reptil schwere Verletzungen auf. Neuere Forschungen beschreiben zudem eine gezielte Nutzung von Amphibien, also den ohnehin schon stark bedrohten Kröten, Fröschen und Molchen als Nahrung in der Paarungszeit. Der Jagddruck ist lokal so stark, dass ganze Populationen aussterben.

Bedrohte Vögel
Aber auch die Vogelwelt leidet; hier einige Studienergebnisse zu den Belastungen durch Waschbären: In Sachsen-Anhalt wurden massive Brutverluste bei Rotmilan, Mauersegler, Wendehals und Trauerschnäpper verzeichnet; letzterer verlor ein Viertel seiner Gelege. Negative Auswirkungen wurden auch bei Star, Kiebitz, Schwarzstorch, Uhu und verschiedenen Greifvogelarten nachgewiesen. Bei Koloniebrütern wie Graureiher und Kormoran führt die längere Anwesenheit von Waschbären sogar zur Aufgabe großer Brutkolonien. Die Bruten von Höhlenbrütern und Nestbrütern sind nicht nur durch Raubdruck gefährdet, sondern kommen oft erst gar nicht zustande, da Baumhöhlen und Horste von Waschbären als Schlaf- und Ruheplätze belegt werden.
Geplünderte Nistkästen
Die Verfasser dieses Beitrags können ebenfalls traurige Erfahrungen beitragen: Wir betreuen zu zweit rund 250 Nistkästen im Raum Diez. Bei 20-30% von ihnen werden die Bruten entweder definitiv von Waschbären geplündert (sie haben gelernt, die Türen der Nistkästen zu öffnen) oder es ist stark zu vermuten, weil vorhandene Bruten plötzlich fehlen und keine Hinweise auf andere Räuber wie Eichhörnchen, Marder oder Specht zu finden sind. Auf manchen Flächen wie unseren Streuobstwiesen verzeichneten wir dieses Jahr Totalverluste: Jeder einzelne Kasten wurde geplündert. Und das sind weder Einzelfälle noch sind unsere Einbußen besonders hoch: Der NABU Leipzig zum Beispiel verweist auf sehr hohe Brutverluste durch Waschbären; 70% in natürlichen Baumhöhlen und 50% in Nistkästen. Die Überfälle wurden zum Teil mit Wildkameras dokumentiert. Und die Biologische Station Gütersloh/Bielefeld beschreibt Waschbären an Vogelnistkästen als großes Problem in einigen Regionen Deutschlands und hat deshalb ein Projekt zum Bau von – übrigens aufwendigen und teuren – Schutzvorrichtungen an Nistkästen aufgelegt.


Bedrohtes Leben am Boden
Gefährdet sind zudem alle Tiere, die am Boden leben und ihre Jungen aufziehen: Das sind zunächst alle Bodenbrüter wie Lerche, Fasan, Kiebitz, Wachtel oder der aktuelle Vogel des Jahres, das Rebhuhn. Hinzu kommen Feldhasen, Bilche, Eidechsen, Schlangen und große Käfer.
Gefährlicher Invasor
In der EU zählt der Waschbär daher wie Marderhund und Mink zu den 100 schlimmsten Invasoren für Biodiversität und Ökosysteme und steht seit 2016 auf der Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung. Somit sind Haltung, Beförderung, Fortpflanzung oder Freisetzung verboten und jeder Mitgliedstaat ist verpflichtet, Aktionspläne zur Überwachung und Eindämmung zu entwickeln. Bei einem hochintelligenten, flexiblen, fruchtbaren Generalisten ohne Feinddruck ist das besonders wichtig und zugleich extrem schwierig.
Bejagen, aber richtig
Was also tun? Eine strikte Bejagung mit Schusswaffen und Fallen ist zwar gerade dort unabdingbar, wo den Waschbären besonders schutzwürdige Arten zum Opfer fallen. Wir persönlich befürworten die konsequente Waschbärenjagd ausdrücklich und können verstehen, dass neuerdings die lückenlose Bejagung auch während der Jungenaufzucht gefordert wird. Allerdings bleiben laut den verfügbaren Populationsstudien Bejagung oder Fang in der derzeit üblichen Form ohne generellen Erfolg. Das liegt erstens an den fruchtbaren Waschbären selbst: Sie können Populationsverluste durch vermehrte Fortpflanzung ausgleichen, auch wandern nach einer „Entnahme“ neue Tiere aus den umliegenden Gebieten zu. Zweitens liegt es an der meist zu geringen Bejagungsintensität: Für merkliche Erfolge genügt es nicht, zufällig angetroffene Waschbären quasi als Beifang zu schießen. Stattdessen sollte die Bejagung an hohen, nachhaltigen und verbindlichen Mengenzielen ausgerichtet werden. Nötig ist zudem eine revierübergreifende Zusammenarbeit, damit nicht die intensive Bejagung in einem Revier daran scheitert, dass die Nachbarreviere ohne entsprechenden Jagddruck zum Reservoir für nachrückende Waschbären werden. Zusätzlich zur Schuss- muss auch die Fallenjagd intensiv betrieben werden. Und schließlich ist durch Politik und Behörden sicherzustellen, dass Jäger, die Waschbären erlegen, nicht zur Zielscheibe für Hass und Hetze von vermeintlichen Tierschützern werden: Inzwischen häufen sich die Fälle, in denen Jäger sich der behördlichen Anordnung einer Entnahme von Problemtieren widersetzen, weil sie demolierte Autos, beschmierte Hauswände und sogar Morddrohungen gegen sich und ihre Familie befürchten müssen.
Eine derartig intensivierte Jagd würde die Waschbären bei uns zwar nicht beseitigen, aber wahrscheinlich deutlich seltener und scheuer machen. Wirklich waschbärfrei lassen sich wohl nur Inseln halten.
Begrenzen durch Kastration
Mitunter wird auch die Kastrationsstrategie empfohlen, speziell von Tierschützern: Gefangene Waschbären sollen nicht getötet, sondern kastriert und wieder freigelassen werden. Diese Kastraten würden ihr Revier gegen weitere Waschbären verteidigen und sich selbst nicht vermehren, was die Waschbärendichte insgesamt begrenzen könnte. Dazu gibt es zwar einzelne Erfolgsmeldungen, aber als Gegenargumente auch Nachweise stark überlappender Reviere, die von mehreren Tieren genutzt werden, und sogar Beobachtungen kooperierender Waschbären. Generell sind weder die Wirksamkeit noch die Unwirksamkeit von Kastrationen für das Populationsmanagement in Feldstudien hinreichend belegt. Sicher sind hingegen der hohe Aufwand und die erheblichen Kosten des Verfahrens.

Kompensierender Naturschutz
Höhere Erfolgsaussichten hat in der freien Wildbahn ein kompensierender Naturschutz: Je vielseitiger und strukturierter die Natur, umso höher sind die Überlebenschancen der Beutetiere des Raubtiers Waschbär. Insbesondere für kleinere Säugetiere, Amphibien und Vögel sollten geeignete Lebensräume gesichert und durch Hecken oder alte Baumbestände Verstecke sowie ein größeres Nahrungsangebot geschaffen werden.
Amphibienschutz
Für den Amphibienschutz wird die Gestaltung von Stillgewässern wie Teichen und Weihern wichtig: Lange, seichte Ufer sind für Waschbären ideale Jagdbereiche. Steilere Ufer oder wenigstens einzelne versteilte Abschnitte erschweren den Zugriff auf Amphibien. Holzstapel, Reisighaufen oder niedrige Kletterhilfen unmittelbar am Teich begünstigen ungestörte Ansitze und sollten beseitigt werden. Selbstverständlich sollte in Gewässernähe kein Futter angeboten werden, weder Katzenfutter noch offene Kompostreste noch Fallobst. Bei besonders wertvollen Amphibiengewässern kann ein glatter, engmaschiger Schutzzaun mit Übersteigschutz lokal sehr wirksam sein.
Nistkastenschutz
Auch beim Aufhängen von Nistkästen muss man den Waschbären „mitdenken“: Die Kästen sollten an glatten Metallmasten statt an Bäumen montiert werden, wo immer es möglich ist. An Baumstämmen können glatte Manschetten oder breite Klettersperren einen Prädatorenschutz bieten. Die Kästen selbst sollten kratzsichere Einfluglöcher, lange Erker und stabile Verschlüsse aufweisen. In ihrer Nähe sollten Kletterhilfen wie Äste und Zäune fehlen. Wenn einzelne Kästen wiederholt geräubert werden, sollte man lieber Standort und Aufhängung ändern als nur auf den nächsten Brutversuch hoffen.
Bodenbrüterschutz
Speziell für Bodenbrüter sind in der Feldflur störungsarme Kernzonen mit wenigen Unterbrechungen vorzusehen, da Waschbären bevorzugt an Wegen, Pfaden oder Gräben entlang jagen. Zudem sind Lockquellen im Umfeld zu beseitigen, denn Müll, Tierfutter, fressbarer Kompost erhöhen den Besuchsdruck auch auf benachbarten Brutflächen. Und noch einmal: Zusätzlich sollten Jagdausübungsberechtigte und Behörden ausnahmslos jeden Waschbären entnehmen, dessen sie habhaft werden.
Grundstücksschutz
Was aber tun, wenn man Waschbären auf dem eigenen Grundstück vermutet? Zunächst sollte man sämtliche Futterquellen beseitigen: Wer Igel, Katzen oder Vögel offen füttert, fördert ungewollt auch Waschbären. Deshalb: Sicherung von Mülltonnendeckeln; Gelbe Säcke erst kurz vor der Abholung herausstellen, keine tierischen Lebensmittelreste auf den Kompost, keine Haustierfutterplätze über Nacht im Freien. Zudem wirken viele Strukturen wie Leitern: Rankgitter, Holzstapel, Regentonnen, Pergolen und schräg stehende Stämme laden Waschbären zum Zutritt ein. Daher sind folgende Maßnahmen sinnvoll: Rückschnitt von Bäumen, die an oder über das Dach reichen; glatte Blechmanschetten über den Fallrohren der Regenrinne; Metallgitter auf dem Schornstein; Verschluss aller möglichen Einstiege sowie nachts der Katzenklappe. Verglichen mit den Folgen eines Waschbäreinbruchs sind das kleine Mühen, denen sich Gebäudebesitzer leicht unterziehen können.

