Es trommelt!
Wer jetzt bei diesem schönen Vorfrühlingswetter einen Waldspaziergang macht, der wird überall das Trommeln der Spechte hören. Es ersetzt den Spechten den Gesang der Singvögel. Sowohl Männchen als auch Weibchen trommeln mit ihren Schnäbeln auf Holz, um ihr Revier zu markieren und einen Partner zu finden. Jede Spechtart trommelt anders; am häufigsten hört man bei uns das kurze und schnelle Trommeln des Buntspechts. Für maximale Lautstärke suchen sich Spechte einen guten Resonanzkörper; das können trockene Äste und hohle Bäume sein, aber auch eine Dachrinne oder die Wand einer Holzhütte.

Lebensraum
Der Buntspecht (Dendrocopos major, zu deutsch „der größere Baumhämmerer“) ist unser häufigster Specht und unter den fünf schwarz-weiß-roten Arten Europas, von denen bei uns noch Mittel- und Kleinspecht anzutreffen sind, die größte. Er kommt in ganz Europa bis Nord- und Ostasien vor, dazu in Nordwest-Afrika und Südwest-Asien. In Mitteleuropa ist er Standvogel. Seine Häufigkeit beruht auf seiner geringen Spezialisierung: Man kann Buntspechte sowohl in Laub- als auch in Nadelwäldern finden, aber auch in Parks und in der Kulturlandschaft, sofern dort Alleen, Hecken oder Baumgruppen vorhanden sind. Eichen- und Buchenmischwälder mit viel Alt- und Totholz sind optimale Lebensräume, einförmige Fichtenforsten werden gemieden.
Kennzeichen
Der etwa amselgroße Buntspecht kann bis zu 15 Jahre alt werden. Neben seinem Trommeln hört man bei Erregung auch kurze, helle Schreie, das „Kixen“. Und erregt ist der Buntspecht häufig; sein Verhalten ist zackig, nervös, oft aggressiv. Er besitzt einen dunklen meißelförmigen Schnabel, schwarz-weiße Flügel und einen hellen Bauch, der sich kontrastreich von den tiefroten Unterschwanzdecken absetzt. Das Männchen unterscheidet sich durch einen roten Nackenfleck vom Weibchen. Jungvögel haben einen komplett roten Scheitel. Der Schnabel ist im Schädel federnd aufgehängt, der Schädel selbst besonders kräftig. Durch diese Stoßdämpfung werden das Gehirn und die Sehnerven auch bei härtesten Schnabelschlägen nicht überlastet. Die Flügel sind eher kurz und breit; der Buntspecht fliegt damit wie alle Spechte wellenförmig, wobei an der tiefsten Stelle des Fluges kurz mit den Flügeln geschlagen wird, während sie sonst eng am Körper anliegen. Die kurzen Beine enden in kräftigen Kletterfüßen mit einer drehbaren Wendezehe, die meist nach hinten weist, wodurch Spechte sicheren Halt an Baumstämmen finden. (Kopfunter am Baum laufen können Spechte trotzdem nicht; unter den europäischen Vögeln beherrscht das ausschließlich der Kleiber.)

Ernährung
Diesen Halt brauchen Buntspechte aus zwei Gründen: Zu ihrer Nahrung gehören nämlich holzbewohnende Insekten und deren Larven, die sie im Totholz aufspüren, mit kräftigen Schnabelhieben freilegen und mit der klebrig-rauen Zunge herausangeln. Gerne sammeln sie aber auch Käfer, Raupen und Ameisen von Oberflächen. Im Winter fressen sie zudem Fichten- und Kiefernsamen sowie Nüsse, die sie geschickt in Holz- und Rindenspalten verkeilen und dann aufhacken. Da sie dazu immer dieselben Orte aufsuchen, erkennt man diese „Spechtschmieden“ an der Masse leerer Zapfen und Nussschalen. Im Frühjahr, wenn in den Bäumen der Saft steigt, schlagen die Spechte die Saftbahnen der Baumrinden ringförmig um den Stamm herum an und trinken den herausquellenden süßen Baumsaft. Im Sommer fressen Buntspechte überdies weiche Früchte und gelegentlich sogar Eier oder Jungvögel: Ein Loch auf Nesthöhe an der Seite eines hölzernen Nistkastens beweist, dass hier ein Specht geräubert hat. Auch Futterhäuschen haben Buntspechte für sich entdeckt und holen sich dort Nüsse und Sonnenblumensamen. Meine Großmutter band im Winter Speckschwarten und Schweinenabel an Baumstämme im Garten, die ebenfalls gern von Spechten leergepickt wurden.

Fortpflanzung
Sicheren Halt benötigen Buntspechte zudem, wenn sie ihre Bruthöhlen zimmern: Dazu suchen sie sich einen innen faulen Stamm oder Ast – das erkennen sie am Klopfgeräusch –, arbeiten sich mit harten Meißelhieben ihres Schnabels durch die Rinde und das feste Außenholz und dann rascher durch den inneren Mulm. Nach etwa drei Wochen ist die Höhle fertig. Das Weibchen legt darin vier bis sieben weiße Eier, die knapp zwei Wochen lang bebrütet werden. Keine andere Vogelgruppe hat so wenig entwickelte Junge wie Spechte: Beim Schlüpfen bedeckt keine einzige Dune ihren Körper, Augen und Ohren sind geschlossen. Neugeborene Spechtküken hocken zusammengekauert am Höhlenboden, dabei legt eines seinen Kopf auf das andere. Mit dieser „Wärmepyramide“ vermeiden sie unnötige Energieverluste. Trotzdem müssen die Eltern die Kleinen in den ersten Lebenstagen durchgehend wärmen. Die Jungvögel werden etwa drei bis vier Wochen lang gefüttert, bis sie ausfliegen. Auch die flüggen Jungvögel werden anfangs noch draußen von den Eltern versorgt. In der zweiten Hälfte der Fütterungsphase sind die Nester wegen des ununterbrochenen lauten Gezeters der Jungvögel leicht zu entdecken. Übrigens leben bis zu 20 % der Buntspechtweibchen in Polyandrie: Ältere erfahrene Weibchen beginnen mit einem ebenso erfahrenen Männchen eine Erstbrut. Mit einem meist jüngeren Männchen folgt dann eine Zweitbrut. Das Weibchen beteiligt sich an Brut-, Schlupf- und Huderphase beider Bruten. Später überlässt es die Aufzucht der Zweitbrut dessen Vater.

Gefahren
Im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten sind Buntspechte in ihrem Bestand nicht nur ungefährdet – er hat sogar in den letzten 20 Jahren zugenommen. Das liegt daran, dass sie nicht wie viele Singvögel unter der ausgeräumten Feldflur leiden und dass sie bislang vom Klimawandel profitiert haben, denn die Zunahme von Borkenkäfern und anderen Holzschädlingen in trockenheitsgeschwächten Bäumen bedeutet reiche Spechtnahrung. Langfristig könnte aber der Klimawandel durch den Wegfall heimischer Laub- und Nadelbaumarten für Spechte durchaus zum Problem werden. Die Liste ihrer Feinde ist rasch aufgezählt: Neben Parasiten und den Flugjägern Sperber und Habicht ist es vor allem der Baummarder, der in die Höhlen der Buntspechte eindringen kann. Daher reagieren dort schlafende Spechte empfindlich auf Kratzgeräusche am Baum, die einen Baummarder ankündigen könnten. Selbst in tiefster Nacht schießen sie dann gelegentlich zur Höhle heraus. Wenn Spechte im Freien übernachten, dann meistens nur aus der Not heraus. Bevorzugt nächtigen sie in sicheren Höhlen, die durchaus nicht von ihnen selbst stammen müssen. Auf einer unserer Streuobstwiesen konnten wir lange Zeit ein Buntspechtweibchen beobachten, dass jeden Abend in einen Starennistkasten aus Holzbeton schlüpfte und dort die Nacht verbrachte.

Genug Spechthöhlen?
Da Buntspechte fast jedes Jahr eine neue Höhle bauen, entstehen davon natürlicherweise viel mehr, als sie selbst benötigen. Dadurch schließen Spechte für viele Tierarten den Wald überhaupt erst auf und schaffen Wohnraum für Höhlenbrüter wie Meisen und Schnäpper, für Fledermäuse, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Waldmäuse, Hornissen, Hummeln und viele mehr. Das ist allgemein bekannt und deshalb werden wir mitunter verwundert oder spöttisch gefragt, warum wir uns solche Mühe mit dem Aufhängen und Reinigen von Nistkästen gäben – die Höhlenbrüter hätten doch schon vor deren Erfindung ihr Auskommen gefunden? Wir erläutern dann, dass das nur funktioniert, wenn es wirklich viele Höhlen gibt, so wie das in einem reifen, naturnahen Wald mit zahlreichen alten und morschen Bäumen und mit viel Totholz der Fall ist. Heutige Wälder sind aber nicht selten recht jung und ihre Bäume sind schlank und gesund. Alte, ausgehöhlte Bäume sind eine Seltenheit geworden und mithin auch Brutplätze und Unterschlupf für Höhlenbewohner – deshalb helfen wir nach.
Naturnahe Wälder!
Viel lieber wäre es uns, wenn wir uns das sparen könnten. Wenn unsere Wälder naturnah wären, mit einem artenreichen Bestand an alten Bäumen und an Naturverjüngung, mit faulen Bäumen und mit Totholz, mit Dickicht und mit Lichtungen, kurz: mit allem, was nicht nur Buntspechten, sondern auch ihren Nachmietern und letztlich allen Waldlebewesen zugutekommt. Leider sind solche Biotope außerhalb von Nationalparks eher die Ausnahme. Ein FSC-Siegel belegt immerhin die nachhaltige Forstbewirtschaftung des zertifizierten Waldes; das ist ein guter Anfang. Achten sie daher beim Kauf von Holz- und Papierprodukten auf dieses Kennzeichen und meiden Sie Möbel, Grillkohle, Tapeten und andere Holzerzeugnisse, auf denen es fehlt. Viel zu oft stammt deren Holz nämlich aus Raubbau an osteuropäischen und südamerikanischen Urwäldern.

