Rätselhafte Begegnung

Während eines Schiffsausflugs auf der Lahn beobachtete ein Bekannter unlängst etwa 20 amselgroße Vögel, die beim Herannahen des Schiffs rasch aufflogen und sich danach wieder am Ufer niederließen. Schnell seien sie gewesen, die Oberseite wäre bräunlich, die Bauchseite hell gefärbt. Was das denn sein könnte? Ein Kontrollbesuch am nächsten Tag bestätigte meinen ersten Verdacht: Flussuferläufer!

Kennzeichen

Flussuferläufer (Actitis hypoleucos) sind rund 20 cm lange Limikolen aus der Familie der Schnepfenvögel. Die Flügelspannweite beträgt etwa 35 cm, die gelbgrünen Beine sind eher kurz. Die Geschlechter sind identisch gefärbt: Die Oberseite des Gefieders ist in der Balz- und Brutzeit braun gemustert, danach matt olivbraun, die Unterseite weiß bis cremefarben. Auffällig sind die weißen „Schultern“. Der mittellange Schnabel erlaubt das Aufpicken von Kleintieren aus dem Uferkies und dem flachen Wasser. Flussuferläufer fliegen mit schnellen Schlägen ihrer abwärts gebogenen Flügel, wobei sie schrill „hididi“ rufen. Sie sind flinke Läufer; beim Stehen wippen sie unablässig mit dem langen Hinterleib auf und ab. Insgesamt wirken sie geduckt und nervös. Flussuferläufer können schwimmen und sogar bis zu 20 Sekunden tauchen.

Lebensweise

Solche Watvögel kennen Naturfreunde eigentlich von den Meeresküsten. Im Binnenland sieht man sie meist nur als Gäste während der Vogelzüge. Tatsächlich ist der Flussuferläufer aber ein Spezialist der Binnengewässer: Seine Heimat sind die steinigen, kiesigen Ufer von Flüssen, Seen und Bächen mit Sandarealen und flacher Vegetation. Hier findet er seine Nahrung und hier baut er in einer wassergeschützten, sandigen Mulde am Boden sein flaches Nest aus Pflanzenteilen für vier kleine, tarngesprenkelte Eier. Fressfeinde locken die Altvögel mit dem schnepfentypischen „Verleiten“ vom Nest weg, das heißt durch Vortäuschen einer Verletzung und schleppende Flucht. Der Bruterfolg ist gleichwohl gering; im Durchschnitt wird nur ein Viertel bis Drittel der geschlüpften Jungen flügge. Das werden sie schon im Alter von zwei bis drei Wochen. Sobald die Jungen mobil sind, streift der Familienverband im Umkreis des Brutreviers gemeinsam auf Nahrungssuche umher. (Möglicherweise hat der Bekannte an der Lahn solche Familienverbände entdeckt. Wahrscheinlicher waren es aber Durchzügler.) Von April bis September leben die Flussuferläufer bei uns und ziehen dann in Nachtflügen in ihre südlichen Winterquartiere, wobei sie immer wieder tageweise an Gewässern rasten.

Stark gefährdet!

In Nordeuropa bis Sibirien existiert zum Glück noch rund eine Million Brutpaare des Flussuferläufers. In Deutschland steht er hingegen als „stark gefährdet“ auf der Roten Liste. Nur noch knapp 300 Brutpaare wurden gezählt; vor allem entlang der Elbe und im Allgäu. Seit der Jahrtausendwende ist damit der deutsche Brutbestand um rund 40% eingebrochen! Früher indessen war der Flussuferläufer ein regelmäßiger Brutvogel auch an Rhein, Main und Lahn. Die wesentliche Ursache des Rückgangs ist der Verlust geeigneter Habitate: Durch Flussregulierung und fehlende Gewässerdynamik, durch schifffahrtgerechtes Auskoffern, Begradigen und Verfestigen des Gewässerbetts, durch Kiesabbau, durch Wasserkraftwerke mit Überstauungen und Schwellbetrieb sind die natürlichen Kiesflächen, Sandbänke, steinigen Inseln zur Seltenheit geworden, auf denen der Flussuferläufer lebt. Hinzu kommen Gewässerverschmutzung und Eutrophierung, aber auch die zahlreichen Störungen durch Freizeitnutzung: Bootsverkehr mit Lärm und Wellenbildung, Bade- und Campingaktivitäten im Uferbereich, Spaziergänger mit freilaufenden Hunden vergrämen die scheuen Vögel. Zu erwähnen ist zudem der Raubdruck, dem alle Bodenbrüter gerade durch die allgegenwärtigen Waschbären immer stärker ausgesetzt sind. Der Verlust an Insekten, Muscheln, Schnecken tut sein Übriges. Überdies ist der Flussuferläufer ein klarer Verlierer des Klimawandels, weil sich seine palaearktischen Lebensräume immer weiter nach Norden verlagern.

Lebensraum schützen!

Sein Schutz verlangt allerdings nur das, was allen bedrohten Lebensgemeinschaften der Binnengewässer nützen würde: Renaturierung der Flüsse, Bäche und Seen, Schutz der Uferbereiche, Begrenzung des Freizeitdrucks und der invasiven Arten. Damit könnten wir auf einen Schlag Hunderten Tier- und Pflanzenarten bei uns helfen. Noch ist es nicht zu spät dafür.

© Frank Derer
© Frank Derer

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