Endlich Frühling!

Endlich wird es Frühling und mit ihm kommen die Zugvögel zurück zu uns. Und so, wie wir im Dorf sehnsüchtig auf Schwalben und Rotschwänze warten, sehnen wir uns im Feld nach Lerchen, Goldammern, Schwarzkehlchen und Rotmilan. Denn wie alle Lebewesen haben auch unsere Vögel sehr unterschiedliche Biotopansprüche, so dass die – aus Vogelsicht – trocken-warmen Felsenschluchten unserer Städte zwar Tauben, Dohlen und Turmfalken zusagen, aber nicht jenen Vogelarten, die eine offene und doch struktur- und nahrungsreiche Landschaft benötigen.

Goldammer © Wolfgang Kruck – stock.adobe.com

Kein Feld ohne Menschen

Diese offene Landschaft, die Feldflur, gäbe es ohne uns Menschen nicht. Es waren unsere Vorfahren, die erst die großen Pflanzenfresser wie Mammut, Nashorn, Wildpferd ausrotteten, so dass aus einer baumreichen Savanne in Mitteleuropa eine Waldzone wurde, und dann den Wald für die beginnende Landwirtschaft rodeten und dabei eine Feldflur schufen, die den Steppenarten des Ostens neuen Lebensraum bot. Wie sah diese Feldflur aus? Sie war geprägt durch kleinräumige Unterschiede; hier Waldweide, dort Heuwiese und dazu kleine Äcker, auf denen Dreifelderwirtschaft betrieben wurde, wodurch sich in jedem Jahr eine etwas andere Vegetation entwickeln konnte, die jedes dritte Jahr lang von Pflug und Vieh ungestört blieb. In den Jahren der Bestellung eines Ackers lagen seine benachbarten Flächen brach. Als Feld- und Weidegrenzen dienten Nutzhecken.

Wegrand © NABU / Eric Neuling

Paradiesische Vielfalt

Durch diese kleinbäuerliche Bodennutzung bei dünner Besiedelung bildete sich eine extreme Habitatvielfalt: Auf wenigen Hektar waren leicht ein Dutzend verschiedene Landschaftstypen zu finden – Blütenwiesen, extensive Äcker, Hecken, Wäldchen, Bäche und Gräben, feuchte Senken, steinige Hänge, Sand- und Steingruben und andere mehr. Infolge dieser Habitatvielfalt war eine hohe Pflanzenvielfalt anzutreffen, die einer entsprechenden Insektenvielfalt Nahrung und Unterschlupf bot. Paradiesische Verhältnisse waren das für damals typische Vogelarten wie Feldsperling, Wiesenpiper, Bluthänfling, Feldschwirl, Brachvogel, Wachtel, Kiebitz, Wiedehopf, Braunkehlchen, Rebhuhn, Heidelerche, Grauammer, Ortolan, Schreiadler, Sumpfohreule, Schwarzmilan und andere mehr.

Feldschwirl © Mathias Schäf

Frühe Verluste

Sie sind zumeist verschwunden – warum? Weil sich die Feldflur änderte: Mit wachsender Bevölkerung, verbesserten Anbaumethoden, höherer Anbauspezialisierung und der Beseitigung vermeintlich nutzloser Landschaftselemente wurden die bewirtschafteten Flächen immer größer und einheitlicher und die Struktur- und Artenvielfalt immer kleiner. Zeitweilig ungestörte Brachflächen fielen weg und damit ganzjährige Lebensräume für Bodenbrüter, Insekten und Niederwild. Und doch war diese modernere Landwirtschaft, die bis vor hundert Jahren betrieben wurde, aus heutiger Sicht noch ausgesprochen umwelt- und naturverträglich.

Strukturreiche Feldflur © Gerhard Bußmann

Moderne Monotonie

Mit der Einführung von Kunstdünger, Spritzmitteln und Motormaschinen hielt aber dann endgültig die Intensivlandwirtschaft Einzug und gestaltete unsere heutige Feldflur: Große, monotone Schläge und Hochertragswiesen bis zum Horizont, ohne Hecken, Raine, Solitärbäume, ohne Blütenpflanzen und Kräuter, ohne Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede, ohne Nistplätze und Deckung. Kein Wunder, dass in diesen Agrarwüsten die Artenzahl an wilden Tieren und Pflanzen um bis zu 70% und deren Individuenzahl um bis zu 80% einbrach. Ein Wunder ist es eher, dass wir jedes Frühjahr trotzdem einige Lerchen und Sperlinge im Feld entdecken.

Getreideschlag © Ingo Ludwichowski

Generalisten überleben

Statt ihrer dominieren im Feld wie in den Ortschaften mobile Generalisten und Kulturfolger wie Rabenvögel, Tauben und Möwen, die sich in unterschiedlichen Lebensräumen behaupten und ihre Bedürfnisse an verschiedenen Orten stillen können. So wird nicht nur unsere Feldflur, sondern auch unsere Tier- und Pflanzenwelt immer gleichförmiger, und das vom Polarkreis bis zum Mittelmeer.

Elster © Christoph Moning

Reißende Netze

Den Ertragsgewinnen der Agrarindustrie stehen inzwischen immer dramatischere Verluste an Pflanzen- und Tierarten gegenüber, die nicht etwa nur den verschrobenen Bedürfnissen einiger Naturromantiker dienen, sondern zum Beispiel die Funktionsfähigkeit unserer Nahrungsnetze erhalten, unsere Nutzpflanzen bestäuben, unsere Schädlinge vertilgen und das Genreservoir unserer Nutzarten bilden.

Spargelacker © Helge May

Weniger bringt Mehr

Was müssen wir in unserer Feldflur ändern, um diese für uns lebenswichtigen Tiere und Pflanzen zu retten? Kurz gesagt: weniger Nutzflächen und weniger Stoffeinträge! Das heißt zunächst: Brachflächen einrichten, Feldraine sichern, Hecken und Knicks pflanzen, Solitärbäume erhalten, traditionelle extensive Beweidung fördern. Und dazu: Düngemittel, Insektizide, Herbizide, Fungizide und alle anderen Umweltgifte auf das notwendige Mindestmaß begrenzen.

Pestizideinsatz © Jan Piecha

Genug?

Wird das genügen? Wir wissen es nicht. Was wir wissen ist, dass unsere Feldflur schöner würde, dass wir sehr bald eine zahlenstärkere und reichhaltigere Flora und Fauna erleben würden und dass wir möglicherweise etwas mehr für Lebensmittel bezahlen müssten als heute. Aber wie teuer es uns kommen könnte, wenn wir nicht umsteuern, wenn wir dem Reißen unserer ökologischen Netze untätig zuschauen, wenn wir den genetischen Verfall unserer Nahrungspflanzen einfach geschehen lassen – das zu berechnen könnte uns den Schlaf rauben.

Feldflur im Peenetal © NABU / Klemens Karkow

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