NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den wöchentlichen Amtsblättern der Verbandsgemeinden des Rhein-Lahn-Kreises. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

April 2021:  Sag mir, wo die Vögel sind...

60 Jahre ist es fast her, dass Rachel Carson ihr prophetisches Buch „Der stumme Frühling“ veröffentlichte. Lange haben wir gehofft, dass es gar so dramatisch nicht kommen würde, doch inzwischen ist es soweit: Vor allem in der Feldflur, aber teils auch in Gärten und Wäldern – es ist stiller geworden und mancherorts tatsächlich stumm. Wer genauer hinschaut, der erkennt, dass nicht nur die Anzahl der Vögel stark zurückgegangen ist, sondern auch die Vielfalt der Vogelarten: Kamen früher ans Futterhaus im Garten ein halbes Dutzend Finken- und ebenso viele Meisenarten, dazu Drosseln, Spechte, Spatzen und manche mehr, sind es heute vorwiegend Kohl- und Blaumeise, Haussperling und Rotkehlchen. Schön, dass sie kommen, aber wo ist der Rest? Gehen wir nach draußen, wird es nicht besser: In den Dörfern fehlen Schwalben und Mauersegler, im Feld sanken die Bestände dramatisch um etwa die Hälfte: vor allem Bodenbrüter wie Feldlerche, Wachtel, Rebhuhn, Fasan, aber auch Gartenrotschwanz, Feldsperling, Kiebitz, Ammern, Pieper und viele mehr – man muss sie inzwischen suchen. Im Wald ist es wenig besser: Baumläufer, Klein-, Mittelspecht, Laubsänger sind nur noch mit Glück zu entdecken. Zugegeben: Die Bestände charismatischer großer Arten wie Seeadler, Uhu, Weißstorch haben sich durch intensiven Schutz erholt. Der Klimawandel erhöht die Bruten von Bienenfressern und Silberreihern. Aber das ändert nichts daran, dass unsere Eltern wohl etwa doppelt so viele Vögel erlebten wie wir heute. Genaue Zahlenschätzungen sind allerdings schwierig.

Was sind die Ursachen? Ja, der Klimawandel bringt Dürren, die Wälder, Gewässer, Wiesen und die letzten Moore schädigen und mit ihnen deren Vogelarten. Schlimmer aber wirken die lokalen Eingriffe des Menschen auf Nahrungsangebot und Lebensraum: Im Wald rücken die Schneisen der Rückegassen immer enger zusammen, in denen zig Tonnen schwere Vollernter ihrem Namen Ehre machen und nichts hinterlassen als tiefe Fahrspuren. Im Feld wird durch brutalen Kostendruck die Intensivierung der Landwirtschaft immer weiter optimiert: endlose Nutzflächen, pures Substrat für Mais und Weizen, lassen keinen Platz für artenreiche Feldwege, Raine und Hecken. In diesen Agrarwüsten verschwinden drei Viertel der Insekten und nach ihnen jene Vögel, die von Insekten leben und zudem keine Brutplätze mehr finden. Nach der Ernte bleibt fast nichts zurück, kein Ausfallgetreide, keine Stoppeln. Was nicht durch Flächenoptimierung beseitigt wurde, wird oft abgespritzt. Ehemals mäandernde Bäche fließen als Vorfluter durch Betonrinnen, letzte Feldwege werden umgeackert oder fahrgerecht asphaltiert. Und in den Gärten sorgen emsige Mähroboter für permanent gekürzte, homogene Grasflächen, in denen kein Gänseblümchen seinen Kopf ungestraft emporreckt. Nebenan haben die Bewohner modische Stein- und Schottergärten angelegt, in deren trockener Hitze nun wirklich nichts mehr gedeiht – keine Pflanze, kein Insekt und natürlich auch kein Wirbeltier. Nur Staub und Moose halten sich.

Was tun? Vor allem: weniger ist mehr! Weniger Optimierung, weniger Intensivertrag, weniger Design und Gestaltung und dafür mehr Unordnung, mehr Vielfalt, mehr ungeplante, natürlich gewachsene Mini-Wildnis – das ist es, was heimische Kräuter und Blühpflanzen, Insekten, Amphibien und Vögel benötigen. Wer sterile Nutz- und Zierflächen mit Insektenhotels und Nistkästen aus dem Baumarkt schmückt, der betrügt sich selbst, wird aber nicht erleben, dass die Natur zu ihm zurückkehrt. Wer billige Lebensmittel fordert, erzwingt die Intensivlandwirtschaft. Heute fragen wir uns noch selbst, wo die Vögel geblieben sind. Noch können wir die richtigen Antworten finden und den stummen Frühling abwenden. Wenn unsere Kinder und Enkel uns fragen müssen, dann wird uns eine Antwort schwerer fallen.

 

Menü (schließen)