NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den wöchentlichen Amtsblättern der Verbandsgemeinden des Rhein-Lahn-Kreises. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

September 2022:  Naturschutz im Klimawandel

Ursachen und Folgen des Klimawandels sind hochkomplex und keineswegs vollständig erforscht. Sicher ist allerdings schon heute, dass die lokalen und globalen Klimaänderungen fortschreiten werden. Das darf gerade der Naturschutz nicht ignorieren. Denn neben Flächenverlust, Nutzungsdruck, Zerschneidung und Schadstoffimmissionen bildet die Klimaerwärmung zunächst einen neuen schweren Stressfaktor für die Ökosysteme und stützt dadurch altbekannte Forderungen des Naturschutzes: Menschengemachte Gefährdungsfaktoren für Arten und Lebensräume müssen reduziert, die Funktionsfähigkeit der Natur so weit es irgend geht wiederhergestellt und biologisch funktionierende Verbundsysteme geschaffen werden! Die hierfür nötigen Maßnahmen sind konsequenter sowie auf wesentlich größerer Fläche als bisher umzusetzen. Denn je intakter die Natur, desto flexibler kann sie auf Änderungen, auch die des Klimas, reagieren.

Sodann geht es um die Sicherung der Naturfunktionen für den Menschen trotz fortschreitender Klimaerwärmung: Die beste Versicherung gegen deren Folgen dürfte eine hohe natürliche Vielfalt an Arten und Lebensräumen sein, auf die der Mensch mehr denn je angewiesen ist. Naturschutz ist überdies Klimaschutz, denn intakte Lebensräume wie Moore oder Wälder, aber auch ökologisch genutzte Naturräume können mehr Kohlendioxid speichern als Intensivlandwirtschaftsgebiete. Andererseits geben schwindende Moore und Feuchtgebiete CO2 ab und leisten so der Klimaveränderung Vorschub.

Aber auch der Naturschutz selbst muss sich anpassen. Traditionelle Naturschutzkonzepte haben etwas Statisches: Sie streben meist die Erhaltung des Bestehenden oder die Wiederherstellung des Gewesenen an, also frühere Naturzustände, die vor der Klimaerwärmung Bestand hatten. Unter der Wirkung des Klimawandels ist aber fraglich, ob diese früheren Zustände – die Landschaftsformen und ihre Lebensgemeinschaften – generell überhaupt zukunftsfähig sind. Zudem ändern sich die natürlichen Gegebenheiten wie Temperatur, Wind, Niederschläge derartig schnell, dass auch die Ökosysteme einem raschen und fortdauernden Wandel unterworfen sein werden. In Zukunft werden sich daher Naturschutzkonzepte flexibel auf dynamische Einflussfaktoren und Ökosysteme einstellen müssen, um sich an verändernde Bedingungen anpassen zu können.

Für den Gebietsschutz heißt das erstens: WISSEN, WAS IST. Benötigt werden genaue und aktuelle Informationen über Klima, Böden, Pflanzen- und Tiergesellschaften der Naturgebiete. Noch immer dominieren teils jahrzehntealte Fachgutachten und vergilbte Beschreibungen in staubigen Regalen, die mit der heutigen Realität nur noch wenig zu tun haben. Ein effizientes Monitoring der sich verändernden Rahmenbedingungen einerseits und der Zustände und Veränderungen im Ökosystem andererseits ist aber unentbehrlich für die Konzeption und Weiterentwicklung wirksamer Managementmaßnahmen. Zugleich werden Fachkräfte für diese Erfassungsarbeit immer knapper. Die Digitalisierung kann hier einen Ausweg bieten: Eine satellitengestützte detaillierte Klima- und Flächenerfassung, die Vernetzung und automatisierte Auswertung bestehender Datenbanken und Kataster, nutzerfreundliche Portale zur Eingabe von Beobachtungen und Hinweisen der Bevölkerung vervielfachen die heute verfügbaren Informationen. In Politik und Verwaltung wird bereits daran gearbeitet. Aber ohne ein hinreichend dichtes Netz fach- und sachkundiger Experten und ausreichend budgetierter Naturschutzbehörden bleiben diese Informationen wirkungslos.

Die zweite Forderung lautet: REAGIEREN KÖNNEN. Unsichere Zukunftsentwicklungen bedingen in vielen Schutzgebieten dynamische Pflege- und Entwicklungspläne, die ein „adaptives Management“ ermöglichen. Auswirkungen von Entscheidungen müssen regelmäßig kontrolliert und Mechanismen für die Anpassung an unvorhersehbare Entwicklungen und neue Erkenntnisse, aber auch Nutzungsansprüche von Anfang an mit eingeplant werden. Das kann allerdings auch bedeuten, sich von Liebgewonnenem verabschieden zu müssen: Wenn der angestrebte Magerrasen verdorrt, wenn der beschützte Buchenaltbestand vom Sturm gefällt wird, wenn die gehegte Schwarzstorchpopulation ausstirbt, dann ist es möglicherweise richtig und nötig, ausgehend vom aktuellen Ökosystemzustand etwas Neues und Zukunftsfähiges anzustreben und dabei mitunter sogar gebietsfremde Pflanzen- und Tierarten einzubeziehen.

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