NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den wöchentlichen Amtsblättern der Verbandsgemeinden des Rhein-Lahn-Kreises. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

Juni 2021:  Wilde Katze

Die spektakuläre Rückkehr des Wolfs wird oft und kontrovers diskutiert. Doch buchstäblich auf leisen Pfoten erobert ein anderes heimisches Raubtier immer weitere Reviere zurück: die Europäische Wildkatze. Sie ist eine echte Europäerin, heimisch von Portugal bis Russland, und besiedelt zwar vorwiegend Wälder, aber auch Auen, Moore, Küsten und Berge – bloß einigermaßen natürlich muss ihr Lebensraum sein. Obwohl sie zu den Kleinkatzen zählt, ist sie mit bis zu 8 kg Körpergewicht und 65 cm Körperlänge massiger und stärker als die Hauskatze. Die Fellfarbe kann gelblich, rötlich oder grau variieren, aber der schwarze Rückenstrich und der kürzere, dicke Schwanz machen die Wildkatze unverwechselbar. Als tagaktiver Pirschjäger verlässt sie nur selten die Deckung, um ihre Beute – vor allem Mäuse, Ratten, Kaninchen, selten Vögel und andere – zu erlegen. Ihren Nachwuchs, meist vier Junge, zieht die Wildkatze in Höhlungen unter Felsen, Baumwurzeln, Windwurf usw. vom Frühjahr an auf.

So anpassungsfähig sie auch ist, die Wildkatze benötigt einen möglichst ungestörten Lebensraum mit hoher Artenvielfalt: Altwaldbestände statt parzellierte Stangenforste, Auwälder statt Kanäle in Agrarwüsten, Naturküsten statt Badestrände. So profitiert sie auch von den Folgen der schweren Stürme und Dürren in den letzten Jahren, denn die Unordnung durch umgestürzte Bäume, neue Freiflächen, chaotische Strukturen und frischen Unterwuchs mögen uns missfallen, aber schaffen vielfältige Kleinbiotope. Es klingt erstaunlich, aber diese forstwirtschaftlichen Katastrophen bieten durchaus ökologische Chancen, von denen neben den Wildkatzen viele andere Tier- und Pflanzenarten profitieren können. Doch nicht nur klimatische Störungen, sondern auch das Umdenken in der Waldwirtschaft und ein naturgerechtes Biotopmanagement haben die Lebensbedingungen der Wildkatze und ganzer Lebensgemeinschaften verbessert. Es stimmt: Vielerorts gebieten Kostendruck und Gewinnzwang weiterhin den maschinentauglichen Holzacker. Indes werden immer mehr Staatsforste und Privatwälder in großen Teilen naturgemäß bewirtschaftet. Dies zusammen mit der Einsicht der Jägerschaft, dass ihre Bejagung als vermeintlicher Konkurrent ein Irrtum war, haben dazu geführt, dass die Wildkatze, einst auf der Vorwarnliste vom Aussterben bedrohter Arten, inzwischen als ungefährdet gilt.

Gerade aus dieser größeren Verbreitung droht der Wildkatze eine neue Gefahr, nämlich die Vermischung mit der Hauskatze. Die dabei entstehenden Hybriden verlieren die Anpassung des Wildtyps an den spezifischen Lebensraum und zugleich die Menschenbindung des Haustiers. Durch die Vermischung der Wild- mit der Hauskatze wird jedoch nicht etwa ein wildes Raubtier harmloser: Tatsächlich ist nämlich hierzulande und weltweit die Hauskatze zahlreicher vertreten und macht mehr Beute als alle anderen Beutegreifer zusammen. Zudem durchstreifen Hauskatzen zur Jagd gerne größere Gebiete, also nicht nur benachbarte Gärten, sondern auch z.B. nahegelegene Naturschutzgebiete. Oft dienen diese Jagden nicht dem Nahrungserwerb, sondern Training und Beschäftigungstrieb. In der Schweiz fallen Hauskatzen jährlich 10 Millionen Mäuse, 3 Millionen Schmetterlinge, 2 Millionen Vögel und 1 Million Reptilien zum Opfer. Im größeren Deutschland wird von 200 Millionen erjagten Vögeln pro Jahr ausgegangen – die übrigen Opfer können wohl ebenfalls mit dem Faktor 100 hochgerechnet werden. Um diesen gewaltigen und aus Naturschutzsicht unerträglichen Jagddruck auf teils seltene und bedrohte Tierarten zu vermindern, müssen die frei jagenden Hauskatzen („Freigänger“) in ihrer Zahl verringert und ihre Vermehrung sowie die Vermischung mit Wildkatzen durch Sterilisation bzw. Kastration begrenzt werden. Dadurch vermeiden Katzenfreunde zugleich viel Leid heimatloser Streunerkatzen!

 

 

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