NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den wöchentlichen Amtsblättern der Verbandsgemeinden des Rhein-Lahn-Kreises. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

November 2021:  Ausgleichsflächen - Sinn und Unsinn

Im letzten Monat war speziell die Beweidung von Ausgleichsflächen unser Thema. Bei der Planung und Bewirtschaftung von Ausgleichsflächen ist aber wesentlich mehr zu wissen und zu beachten. Zunächst: Der Ausgleich umweltbelastender Bauprojekte ist ein Bürgerrecht! Die Verarmung, gar Zerstörung wichtiger Heimatelemente mag mitunter unvermeidlich sein, muss aber stets durch Ausgleichsmaßnahmen kompensiert werden, um das Naturvermögen der Bevölkerung nicht zu schmälern. In welchem Umfang eine umweltbelastende Maßnahme ausgeglichen werden muss, wird über ein komplexes Bewertungssystem quantifiziert. Dabei gilt: Je höher die ökologische Wertigkeit einer zu bebauenden Fläche ist, umso größer muss der Ausgleich für diesen Eingriff ausfallen. Die Umwandlung eines artenarmen Ackers in ein Wohngebiet erfordert daher weniger ökologische Ausgleichsanstrengungen und damit auch einen geringeren finanziellen Einsatz als die Fällung eines alten Waldes für z.B. Windkraftanlagen. Bereits dieser Umstand nutzt der Natur über ökonomische Anreize, weil die Umwandlung ökologisch wertvoller Flächen für den Investor wesentlich teurer ist als die von minderwertigen Arealen.

Die nächste ökonomische Entscheidung des Investors betrifft die Frage, ob er den Ausgleich selbst vornehmen oder damit einen Dritten beauftragen will. Im ersten Fall – den Ausgleichsmaßnahmen im engeren Sinne – ist der Investor für den Zustand und den Erfolg der Maßnahme selbst verantwortlich. Im zweiten Fall, der sogenannten Ersatzmaßnahmen, überträgt er diese Verantwortung entgeltlich auf einen Auftragnehmer. Es hat sich gezeigt, dass Ersatzmaßnahmen aus Sicht des Naturschutzes durchaus erfolgreicher sein können, weil die Leistung und Verantwortung eines privatwirtschaftlichen Dienstleisters leichter zu überprüfen und einzufordern ist als z.B. die einer Gebietskörperschaft, die eine von außen kaum durchschaubare Vielzahl von Aktivitäten und Maßnahmen in der Region vollzieht. Mittelknappheit und fehlende Kontrolle können dann dazu führen, dass die Gebietskörperschaft, z.B. eine Ortsgemeinde oder ein Landkreis, die Ausgleichsmaßnahme nicht regelgerecht durchführt oder sogar unterlässt. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu drei Viertel aller Ausgleichsmaßnahmen dieses Schicksal erleiden. Jede fehlgeschlagene Ausgleichsmaßnahme geht aber mit einem Nettoverlust für die Umwelt und die Bürger einher!

Um das zu vermeiden, sind zwei Instrumente hilfreich: Das erste Instrument der nutzungsorientierten Gestaltung berücksichtigt, dass eine Ausgleichsmaßnahme nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ökonomische Wertigkeit besitzt: So kann eine Streuobstwiese entweder so angelegt werden, dass sie zwar keinen Ertrag abwirft, aber hohe laufende Kosten verursacht, wenn nämlich die gepflanzten Baumarten, gerade Apfelbäume, sehr pflegeintensiv sind und so dicht stehen, dass die Fläche zwischen ihnen aufwendig manuell gemäht werden muss. Werden aber pflegeleichte Fruchtgehölze verwendet, z.B. Kirsche, Walnuss, Marone, Elsbeere und die Abstände zwischen ihnen so groß gewählt, dass ihre Unterfläche rationell gemäht oder sogar umweltverträglich mit Feldfrüchten bepflanzt werden kann, dann erbringt die Ausgleichsfläche einen positiven Wirtschaftsertrag und erhält sich im besten Fall selbst.

Das zweite Instrument, die derzeit im Aufbau befindlichen Ökoflächenkataster, weisen sämtliche Ausgleichsflächen der Region übersichtlich aus und ermöglichen damit erstens die Kontrolle des Fortgangs der Ausgleichsmaßnahmen durch die interessierte Öffentlichkeit und helfen zweitens, ihre stillschweigende Umwidmung zu verhindern, z.B. eine Verpachtung zu zweckfremder Nutzung. Man sieht: Der ökologische Sinn einer Ausgleichsmaßnahme wird von der Planung über die Durchführung und ihre Kontrolle oft dann am besten erfüllt, wenn sie auch einen ökonomischen Sinn hat. Kurzsichtige Planungen ohne nachhaltige Umsetzung sind ökonomisch nachteilig und bleiben letztlich auch ökologisch unsinnig.

 

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