NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den wöchentlichen Amtsblättern der Verbandsgemeinden des Rhein-Lahn-Kreises. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

März 2020:  Naturschutz durch extensive Beweidung

Als die Steinzeitmenschen in Europa die großen Herden der Grasfresser ausrotteten und Mammute, Wisente, Wildpferde immer seltener wurden, verschwanden auch die von diesen Herden beweideten Lichtungen und Savannen zugunsten eines durchgehenden Waldes, wodurch die biologische Artenvielfalt abnahm. Erst mit dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht kehrten die baumfreien, „offenen“ Flächen zurück und mit ihnen viele Tier- und Pflanzenarten der östlichen Tundren und Steppen. So zeigt bereits die Prähistorie, dass menschliche Naturnutzung die Biodiversität senken, aber auch erhöhen kann. Letzteres trifft heutzutage in besonderem Maße für die extensive Landwirtschaft zu, in der im Vergleich zur intensiven Agrarindustrie keine Dünge- und Spritzmittel, wenige Maschinen und nicht zuletzt relativ wenige Tiere pro Flächeneinheit eingesetzt werden. Häufig werden dabei die vorindustriellen Wirtschaftsweisen imitiert und beispielsweise alte, regional begrenzte Nutztierrassen auf naturnahen Magerflächen gehalten.

Das ist nicht besonders rentabel, hat aber große Vorteile für die Natur: Durch die Beweidung entstehen kurzrasige, durchsonnte Flächen mit kühleren langrasigen Anteilen, die gerne von Wiesenvögeln wie Star, Bachstelze, Braunkehlchen und Kiebitz zur Nahrungssuche genutzt werden. Der Steinkauz benötigt nicht nur Bruthöhlen in alten Weiden oder Streuobstbäumen, sondern für seine Jagd ebenfalls kurzrasige Flächen. Und auch die Insektenvielfalt steigt; so bevorzugen bestimmte Laufkäfer und Heuschrecken beweidete kurzrasige Flächen als Lebensraum, was wiederum den Wiedehopf anlockt. Schmetterlinge, Wildbienen, Hummeln, Zikaden und Ameisen profitieren insbesondere von extensiv beweideten Magerrasen. Dies liegt neben deren warmem Trockenklima daran, dass durch die Beweidung der Aufwuchs nicht auf einen Schlag entfernt wird, sondern immer noch genug Pflanzenmaterial als Nahrung und Deckung verbleibt. Durch Fraß und Tritte der Weidetiere entstehen kleinräumige Störungen und somit Mosaike kleiner Habitate für darauf spezialisierte Arten, zum Beispiel tiefe Pfützen, in denen sich Amphibien wie Kreuzkröten und Kammmolche wohlfühlen. Auch das Grünland selbst wird aufgewertet – Schafbeweidung macht es produktiver und reicher an Grasarten. Wertvolle, aber sensible Habitate, die maschinell nicht bewirtschaftet werden können, sind allein durch Beweidung pflegbar: Heiden und Trockenrasen können mit Schafen und Ziegen offen gehalten werden und Kühe, die gerade keine Milch geben (Trockensteller), können auf Feuchtgrünland weiden. So entsteht durch Biotopflege und Vieherträge doppelter Nutzen. Dabei kommen standortangepasste, oft regionaltypische alte Rassen zum Einsatz, was wiederum die Biodiversität der Nutztiere fördert. Zudem sind robuste alte Rassen weniger stark auf Medikamente wie Wurmmittel angewiesen: Nur dadurch bleibt der ökologisch wichtige Dung der Weidetiere giftfrei und nützlich. Zuletzt: Auch für den Menschen ist extensive Beweidung eine Wohltat, denn sie sorgt für jene strukturreichen Offenlandschaften, die wir seit Urzeiten als schön, harmonisch und erholsam empfinden und schafft dadurch Heimat.

Umso bedauerlicher ist es, dass Deutschland im europäischen Bereich besonders wenige extensive Weideflächen und zugleich deren stärkste Rückgänge aufweist – seit den 1960er Jahren schrumpften sie um 80%. Frankreich, Spanien, Großbritannien und die Niederlande zeigen, wie es besser geht. Dem negativen Trend entgegen wirken die zahlreichen Beweidungsprojekte der Naturschutzverbände, darunter dem NABU. In unserer Region ist zunächst die Schmidtenhöhe bei Koblenz mit ihren Taurusrindern und Konikpferden zu nennen, aber auch die Schafherde des NABU Altenkirchen. Und der NABU Rhein-Lahn arbeitet seit Jahren mit örtlichen Schäfern zusammen. Wenn auch Sie den Naturschutz durch extensive Beweidung fördern wollen und das sogar mit Genuss, dann fragen Sie bitte die entsprechenden Produkte ihrer regionalen Direktvermarkter nach!

 

 

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