NABU-Thema des Monats

- jeden Monat neu -
Einmal monatlich veröffentlicht der NABU Rhein-Lahn einen selbstverfassten Beitrag zu Themen des Umwelt- und Naturschutzes in den wöchentlichen Amtsblättern der Verbandsgemeinden des Rhein-Lahn-Kreises. An dieser Stelle finden Sie den jeweils jüngsten Text.

 

Februar 2020:  Die Turteltaube, Vogel des Jahres 2020

„Turteltauben“ nennt man verliebte Pärchen, in Anlehnung an das zärtliche Schnäbeln und Kraulen, das balzende Paare unserer kleinsten Taubenart zeigen. Mit ihren rund 27 cm Körperlänge, knapp 50 cm Flügelspannweite und etwa 150 g Gewicht ist die Turteltaube kaum größer als eine Amsel, aber wesentlich farbenprächtiger: Die Flügeldecken sind schwarz gefleckt auf rostgelbem Grund und der Kopf ist grau mit roter Augenpartie. Am Übergang zur rosafarbenen Brust durchziehen vier schwarze Streifen einen weißen Halsfleck. Der dunkle Schwanz zeigt im Flug einen breiten weißen Rand. Ihrem Ruf, einem schnurrenden „turrr“ verdankt die wendige Fliegerin ihren Namen. Die Turteltaube ist recht scheu und hält sich meist in Bäumen auf. Ihre rein pflanzliche Nahrung sucht sie fast immer am Boden: Samen von diversen Kräutern, Blumen und Gräsern, dazu auch Fichten- und Kiefernsamen. Zudem muss sie täglich trinken. Ihre Jungen füttert sie wie alle Tauben mit einer Kropfmilch.

Leider ist die aktuelle Situation der früher häufig anzutreffenden Turteltaube alles andere als romantisch: Seit 1980 sind fast 90 Prozent ihrer Bestände in Deutschland verloren gegangen – nur noch knapp 20.000 Brutpaare sind übriggeblieben. Eine größere Population findet sich übrigens in Rheinhessen. Was der kleinen Taube fehlt, sind geeignete Lebensräume wie strukturreiche Wald- und Feldränder, Feldgehölze und Ackersäume sowie Auwälder. Besonders durch die „unkrautfrei“ ausgeräumten Flure der industriellen Landwirtschaft haben sich die Bedingungen für die Turteltaube hierzulande wesentlich verschlechtert. Hinzu kommt eine weitere Bedrohung: Als einzige Langstreckenzieherin unter unseren Tauben verbringt sie ihren Winter in Afrika südlich der Sahara. Schon deren klimabedingte Ausdehnung verlängert den Flug und steigert die Verluste durch Erschöpfung und Verdursten. Noch schwerer wiegt die massive Vogeljagd auf der Zugroute: Allein in der EU werden jährlich rund zwei Millionen Turteltauben legal getötet, hinzu kommen etwa 600.000 illegale Abschüsse rund um das Mittelmeer. Es ist keine Übertreibung: Die Turteltaube stürzt ab. Schon heute ist sie zum Beispiel in Großbritannien praktisch ausgestorben. Um auf die Not der Turteltaube und anderer Zugvögel aufmerksam zu machen, hat der NABU sie zum Vogel des Jahres 2020 ausgerufen. Dabei hält die Turteltaube einen traurigen Rekord: Sie ist der erste vom NABU gekürte Vogel des Jahres, der auch als global gefährdete Art auf der weltweiten Roten Liste steht – auf einer Stufe mit dem Kaiseradler oder dem Hyazinth-Ara. Unser Jahresvogel 2020 ist zudem die einzige Taubenart, welche im internationalen Übereinkommen zur Erhaltung wandernder, wild lebender Tierarten (Convention on the Conservation of Migratory Species of Wild Animals) aufgeführt ist.

Damit dieser einst vertraute Symbolvogel für Liebe, Glück und Frieden nicht schon bald ausstirbt, braucht es drastische Schutzmaßnahmen: Europaweit muss die Turteltaube unter ganzjährigen Schutz gestellt werden, auch in jenen 10 EU-Staaten wie Frankreich und Österreich, in denen ihre Bejagung noch legal ist. Die Vogelwilderei im Mittelmeerraum ist weiter zu bekämpfen. Und bei uns muss eine Agrarwende kommen, die verlorene Lebensräume revitalisiert. Davon würden nicht nur die Turteltauben, sondern Tausende Tier- und Pflanzenarten profitieren.

 

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